Mit mir und dem anderen in Kontakt sein im Klassenraum
Meine zweite eigene Session auf der edunautika
wurde viel durchlässiger und Barcampiger durch die Erfahrung der ersten Session. Nach meiner ersten
hatte ich gemerkt,
wie viel Erfahrung, Praxiswissen und Reflexion bereits im Raum ist.
Ich war mit viel Begeisterung gekommen, wollte etwas mitbringen, aber es wurde mir deutlich: Hier sitzen
ja schon Profis die so viel Erfahrung im Gepäck haben.
Für die zweite Session habe ich mich daher klarer Postitioniert und dennoch mehr zurückgenommen:
weniger „ich zeige etwas“, mehr „ich stelle etwas in den Raum“.
Ich wollte etwas weitergeben, dass für mich als Therapeut zentral ist: Focusing, eine Methode die der
Therapieforscher Gene Gendlin
entwickelt hat.
Focusing beschreibt eine Haltung, bei der die Aufmerksamkeit auf das innere Erleben gerichtet wird
besonders auf das, was sich körperlich zeigt. Der Kloss im Hals, druck in der Brust, flacher Atem,
Enge in der Magengegend, etc.
Es geht nicht darum, etwas sofort zu lösen, sondern darum,
das Erlebte zunächst wahrzunehmen und in Worte zu fassen. In die Beziehung zu geben. Oder noch
präziser: sich damit zu erleben und dabei in Beziehung zu sein.
Geplant war, eine einfache Form daraus praktisch auszuprobieren:
das sogenannte „Saying Back“: eine Person erzählt,
die andere spiegelt nur zurück, was sie gehört hat.
Ohne Interpretation, ohne Lösungsvorschläge.
„Saying Back“ bedeutet, dass das Gehörte in eigenen Worten zurückgegeben wird –
so, dass die sprechende Person sich wirklich gehört fühlt,
ohne dass etwas hinzugefügt oder verändert wird.
„Das Zurücksagen ist nichts Mechanisches. Es ist dazu da, den
Kontakt aufrechtzuerhalten. Und den Kontakt fühlt man.
Du musst dir als Zuhörer, als Therapeut, einen Moment Zeit lassen und dich fragen:
‚Habe ich es verstanden? Habe ich es wirklich hereingelassen, hat mein Körper es
aufgenommen?‘ Und dann musst du einen Augenblick warten, bis der Körper sagt:
‚Ja, jetzt hab ich‘s aufgenommen.‘ Jetzt kannst du es zurücksagen.“
— Eugene Gendlin, Focusing in der Praxis
„Saying Back ist mehr Poesie als Technik. […] Dieser Schauspieler hat das Gedicht
körperlich in sich aufgenommen und sagt es nicht auf, er lebt es. Genauso geht Saying Back,
nämlich das gespürte Leben dem Klienten wieder in ‚lebendigen Worten‘ zurückzugeben.“
— Klaus Renn, Magische Momente der Veränderung
Ich wollte das Saying Back vor der Zweier-Übung einmal vormachen.
Die Teilnehmerin, mit der ich demonstriert habe, erzählte zunächst von einer Situation,
die sie an diesem Morgen erlebt hatte. Zuerst wirkte das harmlos.
Im Verlauf wurde aber spürbar, dass in der Szene deutlich mehr Ladung lag:
ein Gefühl von Verantwortungsüberlastung, familiäre Überforderung, etwas Strukturelles,
das im Hintergrund mitschwang, ohne dass wir es inhaltlich vertieft haben.
Gerade diese kleine Demonstration wurde dadurch fruchtbar.
Es wurde etwas erzählt, eine emotionale Spannung wurde sichtbar,
sie bekam Raum, wurde gehalten und konnte sich ein Stück weit wieder legen.
Im Rückblick war das bereits eine ganze Sequenz:
Öffnung, Aktivierung, Begleitung, Abebben.
Dieser erste vollständige Durchgang war nicht klein auch wenn noch nicht viel passiert ist
war es vertrauensbildend.
Man muss dann nicht sofort tiefer gehen.
Es kann genug sein, dass etwas da sein durfte und in Beziehung gehalten wurde.
Von dort aus hat sich die ganze weitere Session entfaltet.
Wir haben versucht, diese Erfahrung nicht eins zu eins auf pädagogische Situationen zu übertragen,
sondern zu fragen:
Was daran ist auch im schulischen Kontext hilfreich?
Wo berühren sich therapeutische und pädagogische Haltung –
und wo unterscheiden sie sich deutlich?
Ein zentraler Unterschied wurde schnell sichtbar:
Im therapeutischen Kontext bleibe ich zunächst vor allem bei der Wahrnehmung der Person.
Ich versuche nicht sofort, etwas zu lösen, zu reparieren oder in die Außenwelt zu intervenieren.
Meine Form von Selbstwirksamkeit oder Hilfe besteht oft nicht darin,
dass ich ein Problem schnell beseitige,
sondern darin, mit einem Menschen bei dem zu bleiben, was gerade da ist,
und so einen Raum zu schaffen, in dem Erfahrung weiterverarbeitet werden kann.
Dieses da-sein ermöglicht den nächsten Schritt.
„Whether one calls it a growth tendency, a drive toward self-actualization,
or a forward-moving directional tendency, it is the mainspring of life.“
— Carl Rogers
„There has not been a way to name this relation,
a continuity which makes more. Now we call it ‘carrying forward’.“
— Eugene Gendlin
Im pädagogischen Kontext ist das anders und komplexer.
Pädagoginnen und Pädagogen tragen Verantwortung für Menschen in laufenden Situationen,
oft unter Zeitdruck, oft mit vielen Beteiligten zugleich.
Dort gibt es nicht selten den berechtigten Bedarf,
konkrete Hilfen, nächste Schritte oder auch klare Entscheidungen zu finden.
Gerade deshalb wurde der Kontrast zwischen beiden Haltungen in der Runde so produktiv.
Später brachte die Teilnehmerin noch ein Beispiel aus der Schule ein:
Eine Schülerin hatte sich ihr anvertraut und das Gespräch sinngemäß mit den Worten eröffnet:
Bei Ihnen passiert mir das nicht. Bei Ihnen muss ich davor keine Angst
haben.
In dem Moment war im Raum sofort spürbar, dass nun etwas Ernstes kommt.
Wir saßen vorne auf der Stuhlkante.
Noch bevor der Inhalt weiter erzählt wurde,
habe ich den Erzählfluss kurz unterbrochen und eingeladen,
einen Moment lang nicht nur dem Inhalt zu folgen,
sondern auf den eigenen Körper zu achten:
Was passiert gerade in mir, wenn ich so etwas höre beziehungsweise erwarte?
Genau hier hat sich das ergeben was mir heute wichtig war:
einen inneren Kanal offen zu halten.
Also nicht nur wahrzunehmen, was das Gegenüber erzählt,
sondern zugleich zu bemerken, was im eigenen Körper geschieht:
Anspannung, Wippen, Atmung fließt anders, Aktivierung, Mitgefühl, Sorge, vielleicht auch Angst.
Selbst wenn eine Geschichte nur aus zweiter Hand erzählt wird,
wirkt sie bereits auf uns.
Und diese Resonanz ist menschlich.
Sie verdient Bewusstheit.
Und vielleicht geht es dir beim lesen auch so, dass du spürst, dass es etwas verändert, wenn du dir
deiner eigenen Resonanz jetzt bewußt wirst.
Von dort aus kamen wir zu einer Frage,
die im schulischen Alltag hochrelevant ist:
Was tun, wenn ein Schüler oder eine Schülerin sich mit etwas Belastendem anvertraut?
Wie balanciert man Schutz, Beziehung, Ernstnehmen und Verantwortung?
In der Runde standen dabei mehrere Aspekte gleichzeitig im Raum:
Die Schülerin schützen.
Ihren Wunsch ernst nehmen „nichts zu tun“.
Zugleich aber auch weitere mögliche Betroffene schützen
und das Thema nicht unter den Teppich kehren.
Und schließlich:
dass es je nach Land, Institution und rechtlicher Lage
verbindliche Meldeketten oder Schutzaufträge geben kann,
die nicht einfach ignoriert werden dürfen.
Genau an dieser Stelle wurde deutlich,
dass therapeutische und pädagogische Logik sich nicht decken,
aber einander etwas zeigen können.
Therapeutisch war mein Impuls zunächst:
nicht gleich etwas tun, sondern erst einmal wahrnehmen,
halten, regulieren, bezeugen.
Pädagogisch und institutionell kann die Lage aber verlangen,
dass Beziehung und Schutzauftrag gemeinsam gedacht werden müssen.
Die Session hat diese Spannung nicht aufgelöst.
Aber sie hat sie sichtbar und besprechbar gemacht.
Eine weitere Brücke zwischen beiden Feldern war das Thema Grenzen setzen.
Es gibt Situationen im pädagogischen und therapeutischen die einen klaren Rahmen benötigen, ein ernst
gemeintes und
persönliches "Stopp".
In der Runde wurde deutlich,
dass ein klares Stopp! Aktivierung auslösen kann
beim Gegenüber und auch in einem selbst.
Ein Stopp hat viel Energie.
Und je nachdem, welche biografischen oder professionellen Erfahrungen jemand mit Grenzen gemacht hat,
kann genau diese Energie erschrecken.
Vielleicht erschrecken wir uns dann nicht nur über die Reaktion des anderen,
sondern auch über uns selbst:
über die eigene Deutlichkeit,
die eigene Lautstärke,
die eigene Courage.
Gerade deshalb lohnt es sich,
auch beim Grenzen-Setzen den inneren Kanal offen zu halten oder danach wieder zu öffnen,
zu bemerken, dass man aktiviert ist,
nervös wird,
vielleicht Angst vor dem Konflikt bekommt
und trotzdem eine klare Grenze zu setzen.
Denn ein Stopp kann nicht nur begrenzen, sondern auch orientieren.
Es kann für einen Menschen entlastend sein,
wenn endlich etwas klar wird,
wenn ein Raum geschützt wird,
wenn Verhalten gestoppt wird,
ohne die Person selbst abzuwerten.
Im besten Fall wird die Grenze danach wieder in Beziehung eingebettet:
durch einen verbindenden Satz,
durch eine erneute Ansprache,
durch das Entkoppeln von Verhalten und Person.
Daraus ergab sich auch ein praktischer Gedanke:
Regulation geht oft vor Inhalt.
Wenn ein Mensch sehr stark aktiviert ist,
braucht es häufig zuerst etwas,
das wieder Orientierung und ein Mindestmaß an Selbstwirksamkeit herstellt.
Im therapeutischen Raum kann das etwas sehr Kleines sein:
die Füße spüren,
den Kontakt zum Stuhl bemerken,
den Atem nicht verändern, aber wahrnehmen.
Im pädagogischen Raum kann es auch etwas Konkretes sein:
eine kleine bewältigbare Tätigkeit,
ein Szenenwechsel,
eine klare nächste Handlung,
die wieder Autonomie und Boden gibt.
Mir war in der Session wichtig, nicht den Eindruck zu erwecken,
therapeutisches Arbeiten lasse sich einfach auf Schule übertragen.
Dafür sind Rolle, Auftrag und Kontext zu verschieden.
Aber beide Felder können sich füreinander inspirierend öffnen.
Die Pädagogik erinnert daran, wie wichtig es ist,
Orientierung, Erfahrung, konkrete Handlungsideen und auch Schutz weiterzugeben.
Darin liegt etwas Großzügiges:
Nicht alles muss neu erfunden werden,
manches darf ein junger oder belasteter Mensch auch einfach von einem erfahreneren Menschen geliehen
bekommen.
Die Therapie wiederum erinnert daran,
dass nicht jedes Beziehungsangebot sofort mit einer Lösung beantwortet werden muss.
Manchmal ist die Beziehung selbst schon wirksam.
Für mich gehört zur therapeutischen Wirksamkeit zentral dazu,
dass sich jemand überhaupt geöffnet hat
und dass dieses Öffnen in Ruhe wahrgenommen und getragen werden konnte.
In der Diskussion wurde an dieser Stelle auch die Bedeutung von Scham noch einmal deutlich.
Scham macht eng.
Scham isoliert.
Sie hemmt oft gerade das,
was für weitere Schritte nötig wäre:
sich zeigen, denken, sprechen, handeln.
Und leider ist es häufig so,
dass sich die Opfer schämen,
statt dass die Täter sich in Grund und Boden schämen.
Deshalb ist es in beiden Kontexten wichtig,
einen Menschen zunächst nicht noch weiter einzuengen,
sondern ihm durch Beziehung, Ernstnehmen und gegebenenfalls auch klare Bestärkung wieder etwas Boden zu
geben.
Ja, manchmal braucht es dann auch den Satz:
Das war nicht in Ordnung.
Das war zu viel.
Das hätte so nicht passieren dürfen.
Wenn das gelingt, kann aus Beziehung wieder so etwas wie Handlungsfähigkeit erwachsen. Nicht unbedingt
sofort, nicht als große Lösung und oft auch nicht sichtbar spektakulär. Aber manchmal genau in der
richtigen
Größe: dass ein Mensch wieder etwas mehr Boden unter den Füßen spürt, dass die Enge ein wenig nachlässt
und
dass ein nächster, kleiner, stimmiger Schritt überhaupt wieder denkbar wird.
In dieser Session waren genau die Momente in denen wir innegehalten haben die wichtigen. Ich wünsche
mir
mehr davon im Klassenraum, in Beratung, in Therapie und überhaupt in menschlichen Begegnungen: dass wir
lernen, Resonanz wahrzunehmen, sie auszuhalten und daraus weder vorschnell Technik noch Rückzug zu
machen, sondern eine bewusstere Form von Beziehung.